Bataclan – Wie ich überlebte

    • Bataclan – Wie ich überlebte



      Bataclan – Wie ich überlebte



      In letzter Zeit ist es sehr schwer, bei den vielen Anschlägen von Terroristen einen Überblick zu behalten. Wo fast jeder noch weiß, wo er sich am 11.September 2001 befand als die Anschläge bekannt wurden, ist bei den Angriffen in der jüngeren Vergangenheit eine Art gefährliche Gewöhnung zu Tage getreten. London, Barcelona, Berlin, Istanbul und viele weitere Städte wurden Ziel von religiösen Fanatismus, und man kann durch die schiere Menge der Ereignisse wenig dazu behalten. Man wundert sich nicht mehr wenn jemand mit einer Axt um sich schlägt, oder mit einem Fahrzeug durch eine Menschenmenge fährt. Sicher, man ist für einen kurzen Moment bestürzt und es laufen Botschaften mit „Pray for …“ durch die sozialen Medien – genützt hat das Beten aber bislang noch nichts.

      Der Angriff auf das Bataclan in Paris am 13.11.2015, bei dem 90 Menschen feige ermordet wurden, ist Thema dieses Comics. Der Zeichner Fred Dewilde war selbst Gast bei dem Konzert der Band „Eagles of Death Metal“, und es sollte eigentlich ein schöner Abend mit alten Freunden werden. Dieses Fest der Freude wurde jäh von 3 Dschihadisten beendet, die das Publikum als Geiseln nahmen, und mit Sturmgewehren und Handgranaten angriffen. In diesem Moment kann Fred nur noch eins tun, um zu überleben. Er stellt sich tot, und liegt für eine gefühlte Ewigkeit an Boden zwischen Blut und Körperteilen der anderen Besucher. Ihm gegenüber eine junge Dame, die ebenfalls die gleiche Überlebensstrategie verfolgt. Als die Polizei das Theater stürmt, ist er einfach nur froh, noch am Leben zu sein, und zu seiner Familie nach Hause zu kommen. Doch zu Hause erst beginnt er zu verarbeiten, was da eben passiert ist. Seine Rückkehr in einen Alltag fällt ihm nicht leicht.


      Fazit:

      Bei Comics dieser Art wird im Feuilleton immer wieder überrascht die Augenbraue nach oben gezogen. Man kann solche ernsten Sachverhalte im Comic darstellen? Ja, das kann man, und zwar schon seit Jahrzehnten. Gerade autobiographische Zeichnungen sind oft wesentlich aussagekräftiger als Filme oder Bücher, da sie die Gefühlswelt des Erzählers stark darstellen, so auch bei Fred Dewilde.

      Seine Zeichnungen sind in Schwarzweiß gehalten und relativ grob, aber seine Emotionen wie Angst und Wut, aber auch die Geborgenheit nachdem er der Situation entkommen und bei seiner Frau ist kann man sehr gut nachempfinden. Er ist kein Held, der versucht, die Terroristen anzugreifen; er möchte einfach nur überleben. Die Angreifer werden nicht realistisch dargestellt, sondern als Skelettschädel mit riesigen Waffen, die die friedliche Atmosphäre des Konzerts ins in Schlachthaus verwandeln. Der Focus liegt stets auf der Wahrnehmung von Fred, und so gibt es keine „Übersichtsaufnahmen“ der Situation, sondern nur seine Sicht die er hatte, als er am Boden des Konzertsaals lag und der Wahnsinn um ihn herum regierte.

      Der Band beinhaltet 15 Comicseiten, der Rest ist mit Texten mit kleinen Skizzen versehen, die die Zeit nach dem Anschlag beschreiben. Von der Schwierigkeit des „normalen“ Lebens mit Alltag und Familie in der Stadt, in der er fast ermordet wurde berichtet Dewilde, was sicher einiges von Selbsttherapie hat.

      Der Band ist ein einzigartiger Einblick in solch eine unmenschliche Situation und deren Folgen. Unbedingt lesen!
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      Comic-Podcast[/center]
    • Ich lese mehrere Tageszeitungen, aktuelle Bücher, sehe sehr viele inländische und ausländische Nachrichtensendungen, von daher tue ich mir zeitgenössische politische Comics gar nicht an, das Hobby möchte ich mir auf jeden Fall nicht durch die terroristischen Greuel vermiesen lassen. Ich lese viele historische Comics mit politischen Themen, aber "tagesaktuelle" Themen mag ich nicht.
    • vielen dank.

      ich bin da auch immer hin und her gerissen. auf der einen seite will ich bei "einfachen comics" nicht von obama oder clinton (DC) angelächelt werden und fühle mich da sogar benutzt. auf der anderen seite waren comics schon immer auch teil politischer propaganda und ich halte das zumindest für nachvollziehbar.

      den tagesaktuellen bezug hatte ich zuletzt bei "die leichtigkeit" wo eine überlebende die anschläge in paris als comic schildert. das ist teilweise mein einziger bezug zu aktuellen geschehnissen. für mich verkommt das alles zu einem großen permanenten anschlag ohne zusammenhänge und bedeutung. wer gegen wen und warum prallt an mir ab und ist ohne belang. insofern sind solche werke der vllt letzte weg zu mir durchzudringen.

      gruß
      andi
    • Ahappyfreak schrieb:

      inwiefern dürfen comics politisch sein? müssen sie das ggf. sogar.

      Alles kann, nichts muss. Wenn von Kunst beim Rezipienten was bleiben soll, ist ja eine Aussage nicht verkehrt. Und die ist auch gerne mal politisch (ohne zwingend dokumentarisch zu sein).

      Watchmen gilt ja gemeinhin als Meilenstein (zu recht, würde ich sagen) und ist durchaus politisch. Wie auch The Dark Knight Returns.
    • Ahappyfreak schrieb:

      inwiefern dürfen comics politisch sein? müssen sie das ggf. sogar.
      Ich glaube nicht, dass sich ein universeller Anspruch formulieren lässt, was Comics zwingend dürfen oder müssen. Letztendlich genießen Comic-Schaffende doch die gleichen Freiheitsrechte wie Autoren von Büchern, Regisseuren oder anderen bildenden/darstellenden Künstlern. Es mag aufgrund des (wirtschaftlichen) Erfolges der Fantastik mit diesem Medium vielleicht manchmal so wirken*, als sei es dafür reserviert, aber im Rahmen seiner Möglichkeiten kann es doch alles sein, was der Autor möchte.

      Ganz abgesehen davon ist es auch im traditionellen Superhelden-Genre keine Seltenheit, dass aus Sicht des Autoren gesellschaftliche Missstände oder Momentaufnahmen thematisiert werden; die per se politisch sind. Alan Moore hat das nicht nur in Watchmen getan, sondern z.B. auch in Swamp Thing oder auch Claremonts X-Men. Wenn ein Comic mehr sein möchte als kontinuierliches Krach-Bum (natürlich darf es das auch geben), kommt es doch gar nicht darum herum, sich mit u.a. zentralen temporären gesellschaftlichen, am Ende auch individuellen Fragen auseinanderzusetzen. Manche machen das subtil oder nur am Rande, hier ist es halt sehr konkret-plakativ.

      Ob du dir das persönlich zu Gemüte führen möchtest, ist eine individuelle Entscheidung. Die Frage, ob Comics das dürfen, stellt sich für mich gar nicht.

      *ein anderer Grund ist m.E., dass wir (mindestens in Deutschland/Europa) im Rahmen unseres Schul- und Universitätswesens überhaupt nicht darauf trainiert werden, uns in dieser Form auszudrücken.
    • das habe ich nicht gesagt.

      nein, für comics gilt das selbe wie für alle kunstformen. ggf. sollte sie grundsätzlich themen wie politik und religion meiden. vllt sollte sie sie aber auch gezielt in den fokus nehmen. ich weiß es nicht. gestern nacht habe ich paper girls 2 gelesen. dort wird der letzte us-wahlkampf thematisiert und apples präsenz ist schon mehr als nur product-placement. da fühle ich mich halt einfach verarscht und benutzt.

      ich hätte gern eine unterscheidung zwischen tagesaktuellen politischen bezügen und wahlkampf/propaganda. zweiteres hat in meinen comics nichts verloren.
    • Ahappyfreak schrieb:

      ich hätte gern eine unterscheidung zwischen tagesaktuellen politischen bezügen und wahlkampf/propaganda. zweiteres hat in meinen comics nichts verloren.
      Das auf jeden Fall. Mich hatte seinerzeit mal Hermanns - Sarajevo Tango stark beeindruckt.


      Die Katze grinste.
      "Hierzulande ist jeder verrückt. Ich bin verrückt. Auch du bist verrückt."
      "Woher weißt du, dass ich verrückt bin?"
      "Sonst wärst du nicht hier", antwortete die Katze.


      Mein DC Dark Re-Read

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    • Mag es auch noch so gut oder wichtig sein, so etwas würde ich mir vor allem so kurz danach niemals als Comic holen

      Denke wenn einige Zeit vergangen ist (mindestens 10 Jahre + X) kann man solche Themen viel besser bearbeiten als Autor und auch für mich als Leser besser in der Gesamtheit verfolgen

      Für die jeweiligen Verlage die allerdings so was kalkuliert veröffentlichen , sieht das natürlich anders aus.
      Die bekommen die gewünschte Aufmerksamkeit im Feuilleton , gewinnen sicherlich Prestige und Auszeichnungen bzw. Preise aufgrund des Themas, egal wie gut oder schlecht der Comic selbst dann auch in der Rückschau ist.
    • Ich finde es wichtig, dass man das Augenmerk auch im Medium Comic auf aktuelle gesellschaftliche und politische Ereignisse legt. Da sind Menschen wie Nils Oskamp, der in seiner Graphic Nove "3 Steine" die Anfänge eines Rechttrendes in den 80ern im Dortmunder Raum anhand persönlicher Erfahrungen beschreibt, der sich bis heute regelrecht manifestiert hat, "Madaja Mom", deren Schriften über ihre Erlebnisse in Syrien von Talajic bebildert wurden oder "Bataclan" mehr als wichtig, denn die politische Weltlage wird sich auf weiteres nicht ändern. Unsere westliche Verantwortung für den Sturm, den wir weitestgehend mit selbst entfacht über die Welt gebracht haben, wird alleine durch das Wegschauen nicht geringer, sondern man sollte stets den Finger in die Wunde dort legen, wo sie entsteht und nicht erst darauf warten, bis es zu spät ist und sie sich längst entzündet hat.

      Übrigens werden auch die Themen aktuell starkt in den Mainstreamcomics behandelt, hauptsächlich auf den Rechtstrend ausgerichtet. So sprach sich Geoff Johns kritisch gegenüber der amerikanischen Politik und das generelle amerikanische Verständnis über Gewalt und Selbstverteidigung aus, auch wird in der aktuellen Supermanserie der aufkeimende amerikanische Faschismus thematisiert.

      taz.de/!5450400/
      "Oh. Hi, Kory. Nice seeing you."

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von The Question ()

    • The Question schrieb:

      Ich finde es wichtig, dass man das Augenmerk auch im Medium Comic auf aktuelle gesellschaftliche und politische Ereignisse legt. Da sind Menschen wie Nils Oskamp, der in seiner Graphic Nove "3 Steine" die Anfänge eines Rechttrendes in den 80ern im Dortmunder Raum anhand persönlicher Erfahrungen beschreibt, der sich bis heute regelrecht manifestiert hat...
      Das sehe ich ähnlich, zumal (glücklicherweise) niemand gezwungen wird Comics mit diesen Thematiken zu lesen... Ich bin auch noch unschlüssig, ob ich mir "Bataclan" zulege.
      Da der Autor in diesem Falle ja kein Aussenstehender war, sondern mitten im Geschehen, vermute ich auch mal einen therapeutischen Effekt bei diesem Projekt und dass es ihm bei der Verarbeitung geholfen hat. Ob es zu diesem Zeitpunkt noch zu früh für eine Konfrontation mit den verhältnismässig frischen Ereignissen ist, muss jeder Leser für sich entscheiden...
      Ich kann da als Beispiel nur die Loveparade-Katastrophe von 2010 in Duisburg nennen, zu dessen Thematik erst kürzlich ein TV-Film in der ARD lief: Ich komme aus Duisburg und empfand den Zeitpunkt immer noch als zu früh, zumal die Umstände immer noch nicht geklärt sind. Aber das ist nur mein subjektives Empfinden.

      Mein Neu- bzw. Wiedereinstig in die Welt der Comics war Art Spiegelmans "MAUS"... eine denkbar schwere Thematik zum Einstieg, aber ein Werk, dass ich nicht in meiner Sammlung missen möchte. Erschütternd, drastisch und unglaublich bewegend... nichts für einen gemütlichen Sonntag auf der Couch.
      "Drei Steine" von Nils Oskamp habe ich ebenfalls gelesen und war vor zwei Wochen auf seiner Ausstellung in der Gedenkhalle Oberhausen. Ein sehr netter Mensch, der sich eine Menge Zeit nahm und all meine Fragen beantwortete.
      Ich kann jeden Comic-Freund verstehen, der sich mit seinem Hobby nur gut unterhalten möchte und Abstand von politischen Themen und Terror möchte, da man den wahren Horror schon regelmässig in der Tageszeitung oder den Nachrichten erleben kann... doch oben genannte Werke empfinde ich mehr als wichtig, um interessierte Leser auch im Medium Comic zu erreichen.
    • Neu

      ScharrY schrieb:

      "Drei Steine" von Nils Oskamp habe ich ebenfalls gelesen und war vor zwei Wochen auf seiner Ausstellung in der Gedenkhalle Oberhausen. Ein sehr netter Mensch, der sich eine Menge Zeit nahm und all meine Fragen beantwortete.
      nils habe ich am freitag auf der buchmesse kennengelernt. ein sehr netter typ, den ich auch demnächst mal ausgiebiger interviewen werden.